Manifest

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Grundsatzerklärung des Cyborgs e.V. vom 8.11.2014

Diese Grundsatzerklärung ist vorläufig von der Mitgliederversammlung beschlossen worden, wird aber noch überarbeitet. Punkt 4 ist bis auf weiteres nicht Bestandteil unserer Grundsatzerklärung.

1) Im Anthropozän haben sich die Grenzen von Natur und Kultur verwischt. Der Mensch gestaltet seine Umwelt und sich selbst, ist aber selbst Produkt der natürlichen Evolution. Eine Unterscheidung zwischen „künstlich“ und „natürlich“ ist daher sinnlos. Technologie ist Teil von uns, Produkt unserer Gedanken, Wünsche und Ziele. Sie ist nichts Externes sondern Ausprägung unserer gemeinsamen Kultur, Teil unserer Umwelt und Teil von uns selbst. Wir sind längst eine Cyborg-Gesellschaft, auch wenn die meisten Individuen sich nicht als Cyborgs fühlen.

2) Cyborgs sehen den Menschen, so wie ihn die Natur vorgezeichnet hat oder wie sein Wesen es vorschreibt, als noch nicht vollendet an. Die technologische Veränderung und Erweiterung des menschlichen Körpers zu seiner Anpassung an das Überleben in Weltraum und anderen Kultur- und Lebensräumen ist die natürliche, evolutionäre Weiterentwicklung des Menschen in der Tradition des Humanismus.

3) Cyborgs sind Menschen. Der Mensch modifiziert seit jeher seinen Geist, indem er denkt und sich bildet. Körper und Geist machen in ihrer Gesamtheit den Menschen aus. Es ist daher widersinnig, die Modifikation des Geistes zu bejahen und die des Körpers abzulehnen. Religionen, Ideologien und Rechtssysteme, die letzteres tun, sind mit unseren Zielen nicht vereinbar.

4) entfällt

5) Jeder Mensch hat das Recht, unter angemessener Abschätzung der gesundheitlichen Risiken, seinen Körper zu modifizieren. Technische Modifikationen des Körpers, die zur Beeinträchtigung von Körperfunkionen führen, ohne einen hinreichenden Nutzen zu bringen, lehnen wir ab.

6) Technologie bestimmt unser Leben auf individueller Ebene. Macht über die Technologie bedeutet Macht über uns. Daher fordern wir die Offenlegung von Hard- und Software als Open Source für sämtliche Technologien in oder an unserem Körper zur Verhinderung illegitimer Machtausübung über uns. Darüber hinaus fordern wir den freien Zugriff auf sämtliche personenbezogenen Daten und Meta-Daten, die bei der Nutzung von Cyborg-Devices entstehen.

7) Die Einteilung in gesund und krank, behindert und nicht behindert ist unscharf. Eine rechtliche Beschränkung der Verwendung von Implantaten und technische Hilfsmittel auf medizinische Gründe lehnen wir ab. Die Erfahrung, die im medizinischen Bereich gesammelt wird, ist auch für den nichtmedizinischen Einsatz zur Verfügung zu stellen. Wir fordern die Anpassung gesetzlicher Vorschriften und Verordnungen, die das unterbinden.

8) Cyborg-Devices müssen nicht zwangsläufig implantiert sein. Auch Wearables, Smartphones, Datenbrillen und andere Geräte können für das Individuum zum Teil seiner selbst werden. Das Stören, Entwenden, Konfiszieren oder Verbieten solcher Geräte und Implantate betrachten wir als Körperverletzung und fordern eine Korrektur entsprechender gesetzlicher Regelungen.

9) Cyborgs lehnen jegliche Normierung des Menschen ab. Den genormten "Standardmenschen" gibt es nicht. Normabweichung macht uns als Individuen aus. Technische Hilfsmittel sollen nicht dazu dienen, eine körperliche Norm zu erfüllen. Menschen, die ihren Körper nicht modifizieren wollen, verdienen den gleichen Respekt wie Menschen, die das tun. Es steht niemandem zu, zu beurteilen, ob eine technologische Selbstmodifikation sinnvoll oder notwendig ist als dem Individuum selbst. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, die freie Entfaltung sämtlicher Individuen sicher zu stellen, unabhängig davon, ob und wie sehr sie vom gesellschaftlichen Bild des Normmenschen abweichen, ihren Körper modifizieren oder eine solche Modifikation verweigern. Cyborgs stehen für Inklusion und Vielfalt.

10) Geschlecht, Hautfarbe und andere körperliche Merkmale sind zumindest potenziell veränderlich. Cyborgs lehnen deshalb die Diskriminierung oder Privilegierung von Individuen aufgrund solcher Merkmale – insbesondere Rassismus, Geschlechterzuordnungen und Heteronormativität – ab.

11) Cyborg-Technologien erweitern unsere Sinne. Das ermöglicht uns ein tieferes Verständnis unser Umwelt und unserer Mitmenschen. Cyborgs wünschen sich deshalb frei verfügbare Daten, offene Standards und die Verbreitung von Information zum Wohle aller.

12) Es gibt keine unveränderlichen Grenzen unseres Körpers. Durch die technische Erweiterung seiner Sinne und Fähigkeiten verlängert sich der Mensch in seine Umwelt. Durch Implantation oder Verwendung von Schnittstellen wird der Mensch selbst zur Schnittstelle.

13) Die Erlangung besonderer Fähigkeiten durch Veränderung des Körpers bringt eine besondere Verantwortung mit sich. Cyborgs setzen ihre Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft ein und verzichten darauf, sich auf unlautere Weise Vorteile gegenüber ihren Mitmenschen zu verschaffen.